Länderspiele: Kritik an RTL-Übertragung

Das „Handelsblatt“ aus Düsseldorf hat jetzt die Länderspiegelübertragungen von RTL analysiert und ist zu dem Entschluss gekommen, dass der Kölner Sender statt mit Fachwissen lediglich mit unprofessionellem Verhalten vor der Kamera, Peinlichkeiten und Phrasen aufwarte.

RTL-Kommentator Marco Hagemann (Foto: © RTL / Stefan Gregorowius)

RTL-Kommentator Marco Hagemann (Foto: © RTL / Stefan Gregorowius)

RTL berichte über Fußball nicht besser als ZDF und ARD, so der Autor. Experte Jens Lehmann passe zu zum momentan eher niedrigen Niveau der DFB-Elf. So habe der Zuschauer während der Halbzeitpause der Länderspiegel Übertragung bei RTL keinen Unterschied zwischen dem Privatsender auf der einen und ZDF und ARD auf der anderen Seite sehen können, Moderator Florian König hatte so nach einer langen Werbeunterbrechung die Höhepunkte der ersten Hälfte exakt 1 min lang zusammengefasst.

Dabei spielte RTL-Experte Jens Lehmann überhaupt keine Rolle, die zweite Werbeunterbrechung habe dann den Rest der fünfzehnminütigen Pause ausgefüllt. Glück für RTL: In den ersten 40 min hatte das Spiel kaum Highlights zu bieten. Die Kölner übertrugen am Dienstagabend das dritte von insgesamt 20 Qualifikationsspiel zur EM 2016 und WM 2018, für die Übertragungsrechte hat der Sender ca. 1 Million € auf den Tisch gelegt.

Neben den großzügigen Werbeunterbrechungen setzt RTL wie die öffentlich-rechtlichen Mitbewerber auch auf animierte Aufstellungsgrafiken, Gewinnspiele und Sponsorentrailer. Auch die gebührenfinanzierten Sender versuchen schon lange die hohen Kosten der TV-Rechte durch ausladende Nachberichterstattung zu kompensieren. Der Ansatz lautet, dass die teuer eingekauften Rechte auch viel Sendezeit füllen sollen, damit nach Möglichkeit ein Großteil des Publikums die Sendung auch lange verfolgt, so sollen die Rechte unterm Strich etwas billiger werden.

Ex-Nationalkeeper Jens Lehmann hatte seinen Auftritt dann bei der über die Geisterstunde hinausgehenden Melange aus Zusammenfassungen der anderen Partien, Expertenstatements und Spielfeldrandinterviews, die kaum aussagekräftig waren.

Höchst unprofessionell war beispielsweise, dass Lehmann in einem Beitrag etwas vorausschickte, was Torschütze Toni Kross dem RTL-Reporter ins Mikrofon gesäuselt hatte, dem Publikum war die Aufzeichnung des fast schon devoten Frage- und-Antwortspiels noch gar nicht gezeigt worden. Passte irgendwie in die Pleiten, Pech und Pannenveranstaltung der Kölner, schließlich hatte Lehmann vor der Partie einen klaren deutschen Sieg vorhergesagt.

Lediglich aufs Schönreden des mauen Matches ließ sich Lehmann nicht ein, König und die anderen RTL-Reporter gingen mit ihren Gesprächspartnern wie beispielsweise Bundestrainer Joachim Löw wenig kritisch ins Gericht, machten auf bauchpinselnden Kuschelkurs. Manuel Götze etwa erklärte, dass das Team es über weite Strecken sehr gut gemacht habe, die Meinung hatte der Bayern-Profi außerhalb des DFB-Zirkels exklusiv.

Lehmann konterte mit dem Florett: „Die strengen sich unheimlich an, aber der Geist ist noch nicht so frisch wie er sein sollte.“ Kennt man auch von ZDF und ARD, da sehen sich die Sender schließlich eher als kollegiale Partner der Kicker und nicht als kritische Berichterstatter. Außerdem müssen die Sportereignisse, für die viel Geld berappt worden ist, hochgejazzt werden, wenn das Publikum gähnt.

Das „Handelsblatt“ erkennt aber an, dass Lehmann im Gegensatz zu seinem alten Kontrahenten Oliver Kahn immerhin dadurch hervorsteche, auch mal längere Sätze zu bilden, während der Titan als ZDF-Fußballexperte eher vorhersehbare Wortfolgen nach einfachem Strickmuster abliefere.

Dennoch reiche Lehmann nicht an die Frische seines ARD-Pendants Mehmet Scholl heran, bemängelt und als überflüssig identifiziert wurden Kommentare wie „holländischer Käse“ bezüglich der Niederlage des niederländischen Nationalteams in Island.

Lehmann fühlt sich sichtlich unwohl an der Seite von Florian König, die beiden harmonieren überhaupt nicht miteinander. Liegt auch daran, dass König immer wieder zweifelhafte Formulierungen benutzt, zum Beispiel kommentierte er das 1:1 der DFB-Elf mit „leider Gottes“ – völlig überflüssig und unangebracht!

Grenzwertig fand das „Handelsblatt“, dass der Kölner Sender mit der Ankündigung des vorzeitig abgebrochenen Skandalspiels zwischen Serbien und Albanien das Publikum zum Weiterschauen ermuntern wollte. Oberpeinlich dann, dass Florian König die berechtigte Frage Jens Lehmanns, warum es zur vorzeitigen Beendigung der Partie gekommen sei, keine Antwort.

Zu dem Zeitpunkt konnte man schließlich mindestens schon im Internet nachlesen, dass eine Drohne mit albanischer Flagge im Schlepptau über dem Rasen schwebte, auch in den Werbeblöcken hätte man sich die Informationen besorgen können. Überdeutlich sei geworden, so das „Handelsblatt“, das RTL beim Fußball für lange Übertragungsabende die Routine fehle. Vorläufig sei das Duo König/Lehmann ebenso wenig ein eingespieltes Team die Viererkette des deutschen Nationalteams.

Auch Marco Hagemann, Live-Kommentator der Partie wurde scharf kritisiert, beispielsweise dafür, dass er vorbereitete Hintergrundinfos weitergab, die allerdings kaum analog zum Spielgeschehen waren. Zum Einschlafen animierten auch die ellenlangen Zitate aus den unendlichen Tiefen der Statistik-Datenbanken. Positiv müsse man Hagemann aber anrechnen, dass er nicht nur Phrasen drosch („Schneller Kombinationsfußball ist eigentlich in der DNA des DFB-Teams verankert“), sondern eben auch sprachschöpferisch unterwegs war.

So fand es nicht nur das „Handelsblatt“ erfrischend, dass die deutschen Angreifer bei dem Versuch die vielbeinige irische Abwehr zu überlisten, einen „grubbeligen“ Strafraum vorfanden. Leider ließ Hagemann wie beispielsweise auch sein öffentlich-rechtlicher Kollege Bela Réthy kaum die Atmosphäre des Stadions auf die Zuschauer wirken, immer wurde noch ein Satz nachgeschoben.

Fazit: Beim Heimspiel gegen Gibraltar im November werden wohl die nächsten drei Punkte eingefahren, auch RTL sollte langsam aber sicher in die Erfolgsspur kommen. Mittelfristig wird sich für den Sender die Übertragung sicherlich dennoch wirtschaftlich lohnen, denn in der zuvor langweilig anmutenden Gruppe der deutschen Mannschaft, wird es nun tatsächlich noch einmal spannend.

 

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