Gemeinsamkeiten von Fußball und Beruf

Unter dem Titel „Gefangen in der Beschleunigungsfalle“ hat der „Focus“ jetzt einen Bericht des Energie- und Leistungsmanagers Markus Hornig veröffentlicht.

Mythos Multitasking gepaart mit Information Overload (Foto: Stefan Bayer  / pixelio.de)

Mythos Multitasking gepaart mit Information Overload (Foto: Stefan Bayer / pixelio.de)

 

Danach habe sich in den letzten beiden Jahrzehnten nicht nur der Profifußball extrem beschleunigt, sondern auch das Arbeitsleben. Experte Hornig ist dabei der Meinung, dass sich das nicht zwangsläufig negativ auf den Berufsalltag auswirken müsse.

Fest stehe, dass der Mythos vom Multitasking, Information Overload und Leistungs- sowie Zeitdruck in der modernen digitalisierten Arbeitswelt zum Sinnbild geworden sei. Hornig stellt fest, dass die digitalisierte Kopfarbeit die Gesundheit gefährde, im Unterschied zum Fußball, wo die Zunahme an Tempo und Dynamik bewusst herbeigeführt werde. Für Hornig Grund genug, sich zu überlegen, wie man nicht in die Beschleunigungsfalle tappt.

Als Exempel zieht Hornig das WM-Finale 1974 zwischen Deutschland und Holland sowie das Endspiel der WM-Titelkämpfe von 2014 zwischen Argentinien und Deutschland heran. Hornig sagt, schaue man sich beide Spieler an, glaube man, dass 1974er-Finale laufe in Zeitlupe.

Die Spieler um Kapitän Franz Beckenbauer wirkten in Relation zur Generation Lahm & Co. schwerfällig und behäbig wie eine Altherrentruppe. Heute sei der Fußball durch knackiges Kurzpassspiel, ständige Positionswechsel der Spieler und höchste Laufbereitschaft geprägt – eben One-Touch-Fußball. Eine Potenzierung von Dynamik und Tempo, an die Helmut Schön, Weltmeistercoach von 1974 noch nicht gedacht hätte.

Spannend findet Hornig, dass sich in den letzten beiden Jahrzehnten nicht nur der Fußball beschleunigt habe, sondern auch die Arbeitswelt. Er macht einen erscheinen Unterschied aus, nämlich dass die Schnelllebigkeit des Fußballs bewusst herbeigeführt worden sei, von Mensch und Trainer, während sich der Arbeitnehmer die Arbeitsweltbeschleunigung durch Smartphone, Internet und Computer nicht gewünscht habe. Der innovative Kopfarbeiter sei im Unterschied zum Profifußballer Sklave und nicht Herr dieser Entwicklung, dies laufe den neurobiologischen Voraussetzungen des Menschen oft entgegen.

Ferner sei es kein Zufall, dass sich auch psychische und stressbedingte Erkrankungen seit Anfang der digitalen Revolution massenhaft vervielfacht hätten. Die Unternehmensberatung KPMG hat eine aktuelle Umfrage veröffentlicht, bei der 70 % der 1.400 befragten Führungskräfte die immer größer werdende Dynamik und Komplexität in der Welt der Wirtschaft für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen als entscheidende Herausforderung angesehen haben.

Hier beschreibt Hornig zwei Denkfallen. Denkfehler I sei der Information Overload. Hornig schildert, dass man früher nach dem Schreiben eines Briefes erstmal ein paar Tage Zeit gehabt habe, bis es eine Rückantwort gab. Heute jedoch ist das World Wide Web dafür verantwortlich, dass die Nutzer via Computer mit Informationen in Echtzeit konfrontiert werden.

So werde durch die Beschleunigung der Informationsverarbeitung eine digitale Datenflut erzeugt, die die Vorstellungskraft des Menschen übersteige. Forscher haben herausgefunden, dass täglich über 300 Milliarden E-Mails und 10 Milliarden SMS über das Internet ausgetauscht werden. Würde man die Datenmenge eines einzigen Tages auf CDs brennen, ergebe dies eine Strecke vom Mond bis zur Erde.

Auch Frank Schirrmachers Bestseller „Payback“ stellt die Frage, ob die geistige Leistungsfähigkeit des Menschen durch die digitale Datenflut gefährdet werde, schließlich benötige das Hirn von Natur aus etwas Zeit, um Dinge zu verstehen und einzuordnen, Informationen zu verarbeiten, Zusammenhänge herzustellen sowie Unbekanntes und Bekanntes zu verknüpfen und neue Dinge zu lernen.

Seit über 100.000 Jahren habe sich das Arbeitstempo der menschlichen Denkzentrale nicht verändert, dieses stehe in außergewöhnlichem Kontrast zu der Schnelligkeit der Reiz- und Informationsüberflutung, die durch das digitale Zeitalter entsteht.

Als Denkfalle II beschreibt Hornig einen Ablenkungsreflex, den Irrglaube, dass die digitale Arbeitswelt, die mit modernen Möglichkeiten einhergehe, automatisch zu mehr Leistung führe. Auch dies widerspreche einem Naturgesetz, das als Ablenkungsreflex betitelt wird. Bis heute herrschen im menschlichen Gehirn autonome, archaische Programme, die nur ein einziges Ziel vor Augen haben: das eigene Überleben zu sichern.

Diese Programme wiederum reagierten völlig losgelöst vom menschlichen Willen und automatisch auf akustische sowie visuelle Reize. Der Steinzeitmensch habe hingegen in diesen Reizen erst einmal nur Gefahr erkannt. Innerhalb von wenigen Sekunden habe die Silhouette eines Schattens oder ein verdächtiges Rascheln im Gebüsch das Adrenalin im Blut ansteigen lassen, der Mensch sei innerhalb eines Wimpernschlages flucht- oder kampfbereit gewesen.

Bis heute sorgten diese instinktiven Reaktionen dafür, dass der Mensch gar nicht anders könne als hinzusehen, wenn sich in seiner Umgebung etwas Überraschendes zuträgt – selbst wenn er dies gar nicht wolle. Immer wenn ein Kollege an der Tür klopft, eine ankommende SMS via Vibration annonciert wird, ein E-Mail-Signal oder ein Anruf ankommt, schreckte der Mensch instinktiv auf. Jetzt sei die Konzentration unterbrochen, was noch an dem uralten Instinkt liege, dass es sich schließlich um eine Gefahr handeln könnte.

Der geistige Flow werde durch jede Störung unterbrochen und bringe den Menschen aus dem Rhythmus. Sei diese Störung weg, wäre das Problem nicht direkt behoben, da das menschliche Gehirn eine Anlaufzeit von rund 20 min benötige, um auf das Level von vor der Interruption zurückzukommen. Die US-Beratungsgesellschaft Basex hat eine Studie angestellt, nach welcher pro Tag rund 45 % in einem Unternehmen an Produktivität verloren gingen, da die Mitarbeiter abgelenkt sind.

Unterm Strich sorgten permanente Ablenkung und Information Overload dafür, dass der Mensch trotz größerer Anstrengung weniger schaffe. Ein Paradoxon dass sich besser verstehen lasse, wenn man berücksichtige, dass der Mensch am besten dann arbeite, wenn er sich zeitlich im Hier und Jetzt befinde, dann werke er sogar mit Kreativität, Freude und Lust.

Zudem gelte in der modernen Arbeitswelt mehr denn je die Maxime der Buddhisten, nach der der Mensch in der Zeitschiene Gegenwart möglichst viel Lebenszeit verbringen sollte, weil dies der Zugang zu innerer Zufriedenheit und Glück sei. Schweinsteiger & Co. dagegen sind dann im Flow, wenn sie mit höchstem Tempo den Ball über den Platz treiben. Stimmen der Weltmeister nach dem 1:0-Triumph über Argentinien im Finale von Rio de Janeiro lauteten beispielsweise „Ich habe automatisch immer das Richtige gemacht!“, Alles lief wie von selbst!“ oder „Ich war wie im Rausch!“

Dem Kopfarbeiter sind diese Glücksmomente ebenfalls bekannt, dann gehen ihm die Dinge schnell von der Hand und er arbeitet auch schwerste Aufgaben mühelos mit Spaß ab, schafft dabei mehr als oftmals in einer ganzen Woche. Hornig gibt Tipps, um solch einen Schaffensrausch auch im Büro möglich zu machen.

So sollen E-Mails nur zu festen Zeiten abgerufen werden, schließlich laufe man ja auch nicht ständig zum Briefkasten. E-Mails sollten nur dann abgerufen werden, wenn man diese auch gleich beantworten kann, da man sich sonst doppelte Arbeit mache. Ferner sollten private E-Mails nicht mit dem Computer verwaltet werden. Die Frequenz des E-Mail-Verkehrs könne auch durch klare Ansagen wie beispielsweise „Wir treffen uns morgen um 10 Uhr am Bahnhof, o.k.?“, anstatt „Wann und wo wollen wir uns treffen?“ nach unten geschraubt werden.

Ablenkungen sollten durch ein möglichst störungsfreies Arbeitsumfeld vermieden werden, es empfehle sich online basierte Störfaktoren wie Twitter, Skype und E-Mail-Eingang zu deaktivieren.

Wer ungestört arbeiten wolle, sollte seine Mailbox einschalten, um dann selbst zu entscheiden, wann zurückgerufen wird. Auch das Besorgen des Schildes „Bitte nicht stören!“ können hilfreich sein, dies könne man bei Bedarf an der Bürotür fixieren. Zudem sollte immer ein Zettel auf dem Schreibtisch liegen, um darauf sofort Einfälle und spontane Ideen zu notieren. Damit könne die Konzentration aufrecht erhalten werden. Außerdem bestehe dadurch keine Gefahr, dass man einen Geistesblitz vergesse.

Markus Hornig berät als Energie- und Leistungsmanager viele Unternehmen und entwickelte analog zum Erfolgsmodell Spitzensport Strategien, um High Performance Firmen zu etablieren.

 

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