Lippenlesen: Fußballer werden abgehört

Mit Lippenlesern schaut der Pay-TV-Sender Sky Trainern und Fußballern seit kurzem aufs Maul, darüber ist eine heiße Diskussion entfacht.

Sky lässt Lippen lesen (Foto: Sky)

Sky lässt Lippen lesen (Foto: Sky)

Die Fans haben im Stadion in der Kurve oft Probleme ihr eigenes Wort zu verstehen. Dennoch gibt es Zuschauer, die trotzdem in Erfahrung bringen, was auf dem Fußballfeld verbal ausgetauscht wird.

Sie können nämlich zum Beispiel Traineranweisungen von den Lippen ablesen. Gleiches gilt für die Beleidigungen, mit denen sich Spieler oft gegenseitig konfrontieren. Julia Probst ist nicht nur eine populäre Bloggerin, sondern liest auch Lippen, vom heimischen Sofa aus hat sie schon bei Welt- und Europameisterschaften ihre Follower mit Übersetzungen unterhalten.

Dies macht sich seit kurzem auch der Pay-TV-Sender Sky zu Nutze, er hat kürzlich bei einem Bundesligaspiel einen Lippenleser eingesetzt. Im Duell der beiden Rivalen Bayern München und Borussia Dortmund am 1. November brachte Sky einen Experten zum Einsatz, der beispielsweise dem Publikum zu Tage förderte, was Bayern-Coach Pep Guardiola seinem Schützling Franck Ribéry vor dessen Einwechslung als Marschroute mit auf den Weg gegeben hatte.

Die Anweisung lautete „Mit Feuer auf Subotic!“. Ribéry befolgte die Ansage akribisch wie treu und beschäftigte seinen Gegenspieler, den Dortmunder Abwehrspieler Neven Subotic, nach allen Regeln der Kunst. Und zwar so, dass der Defensivstratege den filigranen Franzosen kurz vor Abpfiff Elfmeter reif umriss, Arjen Robben versenkte den fälligen Strafstoß zum 2:1-Siegtreffer für die Münchner.

Das wäre natürlich auch ohne Lippenleser so geschehen, befindet die „Westdeutsche Zeitung“ (WZ), doch Anlass zu heißen Debatten solle der Vorfall dennoch geben. So unterstreicht beispielsweise Tim Bagger, dass im deutschen Justizsystem das Recht am gesprochenen Wort ein Schutzgut sei.

Der Münchner Rechtsanwalt hat sich auf Sportrecht spezialisiert und ergänzt im Online-Rechtsportal „Legal Tribune“: „Kicker, die sich in ein Stadion, das mehrere Tausende Zuschauer fasst, jede Woche unter Beobachtung zahlreicher Fernsehkameras und sonstiger Aufnahmemedien begeben, können hier keine Privatsphäre erwarten. Das Lippenlesen hat zudem nicht nur unterhaltsame Seiten, sondern kann auch helfen, wenn man es beispielsweise zur Aufklärung rassistischer Beleidigungen zum Einsatz bringt.“

Rechtsexperte Bagger appelliert trotzdem an die Fernsehsender, diesen Bereich nicht allzu sehr auszuschlachten, um die Akteure in den Fußballstadien mit Lippenlesern nicht vollends auszuforschen.

Dies sieht auch die Deutsche Fußballliga (DFL) so, man sei sowohl mit dem Sender als auch den Vereinen im Gespräch, betont Maximilian Türck. Es gehe darum die berechtigten Interessen der Clubs mit den redaktionellen Wünschen des TV-Senders zu paaren.

Die WZ meint, dass die redaktionellen Wünsche jenes Unterhaltungsinteresse sei, dass der Sender im Sinne seiner Zuschauer entsprechend bedienen wolle. Doch Sky selber hat sich Grenzen gesetzt, da man das Thema Lippenlesen im Moment nicht sehr offensiv nach vorne treibt.

„Der Anlass für den Einsatz des Lippenlesers war, dass wir zu speziellen Spielen immer wieder versuchen, unseren Abonnenten besondere und innovative Elemente zu offerieren“, erklärt Thomas Kuhnert von Sky Deutschland. „In diesem Fall waren das eben der Körpersprachenexperte und der Lippenleser. Diese Form der Elementeinbindung im Rahmen der Partie Bayern gegen Dortmund war allerdings eine einmalige Aktion. Zum jetzigen Zeitpunkt ist nicht absehbar, ob und wann wir wieder ähnliche Dinge machen.“

Die „Westdeutsche Zeitung“ resümiert, dass Trainer und Spieler die Redewendung „Etwas hinter vorgehaltener Hand sagen“ zu müssen, dann schon bald sehr wörtlich nähmen, wenn der Lippenleser zur Gewohnheit würde.

In seinem Kommentar ergänzt WZ-Redakteur Olaf Kupfer, dass eine Grenze erreicht sei. Man könne auch nicht mit dem Totschlagargument kommen, dass Fußballtrainer und Profis so gut bezahlt würden, dass jedes noch so verwegene Merkmal des Bundesligaunterhaltungsbetriebs im Preis enthalten sei. Mit dem Lippenlesen möge manche Information gewonnen sein, die dem Zuschauer im Spiel bislang vorenthalten worden waren.

Doch Kupfer möchte darauf verzichten, wenn er den Preis bezahlen müsse, dass Spieler und Trainer immer mehr zu Gladiatoren würden, die auf dem Fußballfeld ihren eigenen Kampf gewinnen wollten und sich auf der anderen Seite vom sabbernden Publikum noch mehr abwendeten. Wichtig sei das Spiel an sich, nicht das, was sich die Akteure auf dem Platz zu sagen hätten. Kupfer findet, dass dies eine romantische Erkenntnis sei, die aber auch die Eignung besitze, Grenzen abzustecken.

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