Bundesliga: Stets stupides Gesäusel nach Trainerwechsel

Wenn im Profifußball ein Trainerwechsel vollzogen worden ist, hört man von Profis und Funktionären stets stupides, branchenübliches Gesäusel.

Di Matteo ist Flüsterer und Fleißarbeiter (Repro: Uwe Jansen)

Di Matteo ist Flüsterer und Fleißarbeiter (Repro: Uwe Jansen)

Schon spannend, was beispielsweise Schalkes Kapitän Benedikt Höwedes nach dem Debüt von Neu-Coach Roberto di Matteo in die Mikrofone der Reporter rehaugengleich rekapituliert: „Der Trainer ist ein ruhiger Typ, der klare Anweisungen erteilt, klare Vorstellungen hat und ein klares Spielsystem verfolgt. Er strahlt unheimlich viel aus. Er arbeitet sehr genau.

Wenn ich auf das Trainingsgelände fahre, ist schon alles für die nächste Einheit vorbereitet. Er hat einen klaren Plan vor Augen und teilt uns vor jeder Einheit mit, wo der Schwerpunkt liegen wird. Während des Trainings arbeiten wir sehr intensiv, lange und vielschichtig. Das Trainerteam gibt viele Ratschläge und Korrekturen und sagt, wenn etwas gut oder schlecht läuft. So weiß jeder, woran er ist. Es sind immer klare Ansprachen, an denen sich jeder orientieren kann.“ Interessant.

Trotz der Erfolge Kellers mit Schalke in den letzten beiden Spielzeiten gab der also keine klaren Anweisungen, hatte keine klaren Vorstellungen und kein klares Spielsystem. Aha! In Sachen Pharisäertum und Heuchelei lässt auch Mittelfeld-Akteur Roman Neustädter im Interview mit dem „kicker“ nichts zu wünschen übrig: „Das Training ist sehr intensiv“, so der 26-jährige kryptisch.  „Man geht mit einem guten Gefühl nach Hause, weil man weiß, dass man viel gemacht hat.“ Soll im Umkehrschluss heißen, dass es unter Keller eher lax zuging. Dass sich der Profi mit seiner geistigen Diarrhö quasi eingesteht, unter dem letzten Trainer nicht alles gegeben zu haben, scheint dem Vakuum zwischen den beiden Ohren geschuldet zu sein.

So fällt Neustädter auf die suggestive Fragetechnik von „kicker“-Edelfeder Thiemo Müller herein („Di Matteos Einheiten hatten Sie schon nach wenigen Tagen überzeugt.“), der schon seit Wochen auf Kriegsfuß mit Keller gestanden haben muss, was auch Müllers messerscharfe Analyse im „kicker“ vom 16. Oktober nahelegt („In den ersten Tagen unter di Matteo verriet nun schon Boatengs Trainingseinsatz: der Routinier lässt sich von frischen Impulsen antreiben. Neben Kapitän Benedikt Höwedes war Boateng für den neuen Fußballlehrer erster Gesprächspartner unter vier Augen, um die Mannschaft auf seine Linie einzuschwören. Di Matteo, auch in der Personalführung taktisch geschickt, hat so speziell die führenden Köpfe des Teams auf Anhieb hinter sich gebracht). Ah, ja!

Damit lüftet der „kicker“ endlich eines der bestgehüteten Bundesliga-Geheimnisse, dass es nämlich einer taktisch geschickten Personalführung bedarf, um führende Köpfe einer Mannschaft hinter sich zu bringen! Riecht nach Weltsensation und Pulitzer-Preis! Und noch eine Innovation plaudert das Blatt von der Noris (immer bestens informiert) aus. Und zwar, dass Schalkes Fußballprofis jetzt endlich pünktlich zur Arbeit kommen:

„In seinen ersten Arbeitstagen (…) stellte der Coach dann auch gleich unter Beweis, dass er großen Wert auf Disziplin und Ordnung legt. Die genannten Tugenden fordert er nicht nur, sondern lässt sie auch einüben. Beispielsweise durch entsprechende Umgangsformen. Regelmäßig sind Chefcoach und Assistenten schon rund eine halbe Stunde vor offiziellem Beginn der Einheit auf dem Platz, ordnen und besprechen letzte Details. Auch die Profis treffen deutlich vor der Zeit ein. Sie begrüßen ihre Trainer per Handschlag, ehe die Einheiten nach kurzer Ansprache pünktlich starten. Unbeaufsichtigtes und entsprechend ungeordnetes Warmkicken vor offiziellem Trainingsbeginn scheint auf Schalke der Vergangenheit anzugehören.“

So verpasst der „kicker“ dem sinnfreien Singsang zur Begrüßung des neuen Trainers die Zeile: „Füsterer und Fleißarbeiter“. Der Italo-Schweizer erteile schließlich „klare, aber leise Anweisungen, damit seine Schützlinge ganz besonders konzentriert hinhören.“ Ausschließlich übe er im Flüsterton Kritik, „nimmt sich die Betroffenen dafür zur Seite, für Trainingskiebitze ist dann keine Silbe hörbar.“ Schalkes Angst vorm Lauschangriff! Halt Dich fest! Und überraschenderweise lebe di Matteo „Professionalität in den ersten Tagen auf unübersehbare Weise vor“…!

Ein weiterer Fleißarbeiter in Buer ist übrigens Kevin-Prince Boateng, der sich in den letzten Wochen unter Keller eher als Stehgeiger empfahl denn als Führungsspieler. Vor dem ersten Training mit di Matteo twittert der Ghanaer: „Can’t wait for the weekend!“ Schon erstaunlich, dass sich ein Bundesligaprofi auf das Spiel am Wochenende freut. Scheint ja unter Keller nicht der Fall gewesen zu sein, wenn Boateng seinen neuen Arbeitseifer im Web World Wide Web um den Globus zwitschert.

Dem „kicker“ ist sogar ein Foto-Bildbeweis wert, dass Sportvorstand Horst Heldt und Finanzvorstand Peter Peters dem neuen Trainer vom Balkon der Geschäftsstelle aus zusehen. Fast überflüssig zu erwähnen ist in dem Zusammenhang eigentlich auch, dass Schalke-Boss und Schnitzelkönig Clemens Tönnies den neuen Trainer selbstredend saumäßig bauchpinselt: „Wenn um 14.30 Uhr trainiert wird, dann ist er schon um 7.45 Uhr auf Schalke“, trompetet Tönnies via „Bild“.

„Er arbeitet sehr konzeptionell und plant alles ganz genau durch. Was mir am allermeisten imponiert: di Matteo hat gleich klargestellt, ICH bin hier der Boss in der Kabine. Das ist genau meine Mentalität. Die Spieler wollen geführt werden!“ Und dann noch der Vergleich mit Jogi Löw: „Beide sind sehr besonnene Typen und haben unheimlich viel Fußballverstand. Dazu punkten sie mit großer Ausstrahlung – ihnen selbst ist aber nicht wichtig, wie sie wirken, sondern was sie sagen. Roberto di Matteo ist einer wie Jogi Löw!“. Rumms. Löw ist übrigens seit 2004 DFB-Trainer. Mal sehen, wann die Halbwertszeit von Di Matteo überschritten ist.

Doch das königsblaue Kicker-Kabarett der Knappen ist keine Ausnahme im deutschen Profifußball. Auch beim Branchenführer FC Bayern wechseln die hoch bezahlten Spieler ihre Meinung über den Trainer wie ihre Stutzen. Im Frühjahr 2009 erklärt beispielsweise Philipp Lahm nach der Demission von Jürgen Klinsmann: „Die Mannschaft hat alles versucht, die Probleme in den Griff zu bekommen. Dass wir so viele Gegentore bekommen haben, liegt ja nicht daran, dass die Verteidiger plötzlich nicht mehr Fußball spielen können. Wir hatten einfach keine Ordnung auf dem Platz. Bei Klinsmann trainierten wir fast nur Fitness. Taktische Belange kamen zu kurz. Wir Spieler mussten uns selbstständig zusammentun, um vor dem Spiel zu besprechen, wie wir überhaupt spielen wollten.“

Eine deftige Watsch‘n für Klinsmann, mit dem Lahm 2006 WM-Dritter geworden ist. Nachfolger von Klinsmann wird dann das flämische Feierbiest Louis van Gaal. „Der absolut wichtigste Transfer ist der Trainer“, so Lahm nach einigen Wochen der Vorbereitung im Sommer 2009. „Der Trainer wird viel mehr herausholen aus uns als im vorigen Jahr. Wenn die Taktik stimmt, ist mehr gewonnen als durch viele Transfers.“

Ein halbes Jahr später bricht Lahm trotz Ergebniskrise erneut eine Lanze für den Ritter im Orden von Oranien-Nassau: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein anderer Trainer es besser machen könnte. Er ist immer noch ein sehr guter Trainer und der richtige. Er erreicht uns. Man geht immer noch gern ins Stadion, um unsere Spiele zu sehen. Es gibt Strukturen, wir spielen ordentlich, aber gewinnen nicht.“

Im Sommer 2011 lamentiert dann auch Lahm am Ex-Bondscoach herum: „Die Zeit der Trainer, die mit ihren Spielern nur reden, um ihnen Befehle zu erteilen, ist vorbei. Van Gaal hält sehr viel von Disziplin, und er hält viel von sich selbst. Der Trainer hat sich schlicht geweigert, die Mängel seiner Philosophie zur Kenntnis zu nehmen und zu beseitigen.“

Auf Schalke, wo Jens Keller immerhin mit Platz drei zweimal die Champions League erreicht und somit das Saisonziel immer geschafft hat sowie punktemäßig drittbester Schalker-Trainer aller Zeiten ist (hinter Ralf Rangnick und Mirko Slomka) oder beim FC Bayern, bei dem van Gaal in der ersten Saison schließlich Meisterschaft, Pokalsieg und Königsklassen-Finale schaffte, wurden am Ende nie die Erfolge der Trainer gewürdigt, sondern stets das Negative herausgestrichen.

Das Trainerkarussell dreht sich also munter weiter, man braucht nicht darauf zu warten: Auch nach der Demission von di Matteo oder Pep Guardiola werden die Millionäre in kurzen Hosen über den geschassten Übungsleiter herfallen und den neuen Coach über den Klee loben!

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